Sechs Wochen können sehr lang sein.

In Bayern dauern die Sommerferien 2026 vom 3. August bis einschließlich 14. September. Am nächsten Morgen klingelt wieder der Wecker. Die Schultasche steht bereit, der Stundenplan gilt, Unterricht beginnt. Von einem Tag auf den anderen ist sie wieder da: die Schule.1

Für viele Erwachsene klingt das zunächst gar nicht besonders problematisch. Schließlich hatten die Kinder sechs Wochen frei. Sechs Wochen ausschlafen, spielen, verreisen, Freunde treffen oder einfach nichts tun. Da müsste doch eigentlich genügend Energie vorhanden sein, um jetzt wieder durchzustarten.

Aber vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler.

Ferien sind nicht sechs Wochen, in denen ein Kind ausgeschaltet wird, damit es anschließend mit vollständig aufgeladenem Akku wieder eingeschaltet werden kann.

Ferien waren einmal etwas ganz anderes

Dass unsere längsten Schulferien ausgerechnet im Sommer liegen, hat auch historische Wurzeln in einer Lebenswelt, die stark von Landwirtschaft geprägt war. Kinder wurden in vielen Familien als Arbeitskräfte gebraucht – gerade dann, wenn auf Feldern und Höfen besonders viel zu tun war.

Der Bayerische Rundfunk erinnert daran, dass Sommerferien früher regional sogar Getreideferien genannt wurden. Im Herbst gab es Kartoffelferien. Für viele Kinder bedeutete schulfrei deshalb keineswegs Freizeit: Sie halfen bei Aussaat, Ernte und auf dem Hof mit.2

Unsere Lebenswelt hat sich verändert. Für die meisten Kinder in Tutzing und Umgebung ist es heute glücklicherweise nicht mehr notwendig, die schulfreie Zeit als zusätzliche Arbeitskraft in einem landwirtschaftlichen Betrieb zu verbringen.

Die langen Ferien aber sind geblieben.

Und wir haben uns daran gewöhnt, dass sie tatsächlich Ferien sein dürfen.

Sechs Wochen sind keine Lernpause vom Leben

Vielleicht fahren Familien in den Urlaub. Vielleicht verbringen Kinder ihre Tage draußen. Vielleicht stehen Freunde im Mittelpunkt, Fußball, Pferde, Computerspiele, Bücher, Großeltern oder das Freibad. Manche Kinder besuchen ein Ferienprogramm, andere verbringen viel Zeit zu Hause.

Und manche tun tatsächlich eine Weile ziemlich wenig.

Auch das darf sein.

Denn dabei hört Lernen nicht auf. Es verändert lediglich seine Form.

Ein Kind, das einen ganzen Nachmittag versucht, mit anderen Kindern ein Spiel zu organisieren, lernt möglicherweise gerade viel über Verhandlung, Frustration und Zusammenarbeit. Ein Kind, das selbstständig mit dem Fahrrad unterwegs ist, orientiert sich, schätzt Entfernungen ein und übernimmt Verantwortung. Beim Kochen tauchen Mengen auf, beim Einkaufen Geld, beim Spielen Regeln und Strategien.

Und manchmal ist sechs Wochen lang etwas ganz anderes wichtig als Mathematik, Deutsch oder Englisch.

Das ist kein pädagogisches Versäumnis.

Es ist Leben.

Und dann ist plötzlich Dienstagmorgen

Mit dem ersten Schultag ändert sich nicht nur der Aufenthaltsort.

Der Tagesrhythmus verändert sich. Aufstehen, frühstücken, pünktlich losgehen. Stunden wechseln nach einer festgelegten Zeit. Materialien müssen vorhanden sein. Aufgaben kommen von außen. Aufmerksamkeit wird für bestimmte Themen zu bestimmten Zeitpunkten erwartet.

Gleichzeitig beginnt auch das soziale Gefüge der Schule wieder.

Wer sitzt neben wem? Was ist in den Ferien passiert? Haben sich Freundschaften verändert? Wer gehört gerade zu welcher Gruppe? Wie ist die neue Lehrkraft? Was erwartet sie? Gibt es neue Kinder in der Klasse?

Schule bedeutet eben nicht nur Mathematik, Deutsch und Englisch.

Schule ist auch ein sozialer Raum.

Und deshalb halte ich es für einen Fehler, die ersten Schultage ausschließlich unter der Frage zu betrachten:

Wie schnell können wir fachlich wieder dort weitermachen, wo wir vor den Ferien aufgehört haben?

Vielleicht sollte zunächst eine andere Frage kommen:

Ist das Kind überhaupt schon wieder angekommen?

Lernen braucht Zugehörigkeit

Das ist mehr als ein sympathischer pädagogischer Gedanke.

Auch Bildungsforschung beschäftigt sich intensiv mit dem Zugehörigkeitsgefühl von Schülerinnen und Schülern. Die OECD beschreibt, dass ein stärkeres Gefühl von Zugehörigkeit zur Schule mit höherer Motivation, Wohlbefinden und schulischer Entwicklung zusammenhängt. Kinder und Jugendliche lernen nicht losgelöst von ihren sozialen Beziehungen und ihrem Gefühl, angenommen und Teil einer Gemeinschaft zu sein.3

Das bedeutet natürlich nicht, dass in den ersten Septemberwochen kein Unterricht stattfinden sollte.

Aber es verändert die Reihenfolge.

Bevor ein Kind seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Bruch, einen Aufsatz oder englische Vokabeln richten kann, muss ein Teil seiner Aufmerksamkeit vielleicht zunächst ganz andere Dinge klären.

Wo bin ich wieder? Wer ist bei mir? Wie funktioniert diese Gemeinschaft? Was wird von mir erwartet?

Auch das ist Lernen.

Was ich als Lehrer nach den Ferien wichtig fand

Während meiner Zeit als Montessori-Lehrer haben wir diesen Übergang bewusst mitgedacht.

Gerade nach längeren Ferien lag deshalb zu Beginn häufig mehr Gewicht auf der Klassengemeinschaft, auf gemeinsamen Tätigkeiten, Gesprächen und dem Wiederfinden des eigenen Arbeitsrhythmus als darauf, möglichst schnell möglichst viel neuen Stoff zu vermitteln.

Es ging stärker um Konzentration und Orientierung.

Um Sozialkompetenz.

Um die Frage, wie diese Gruppe nach mehreren Wochen Pause wieder zu einer Gemeinschaft wird.

Tests und Schulaufgaben spielten an meiner damaligen Schule ohnehin nicht die Rolle, die sie an vielen anderen Schulen spielen. Das war sicherlich ein pädagogischer Luxus, den die wenigsten Tutzinger Schülerinnen und Schüler in dieser Form haben.

Natürlich gibt es Lehrpläne. Natürlich gibt es Inhalte, die vermittelt werden müssen. Und selbstverständlich kann Schule nicht wochenlang darauf warten, bis jedes Kind vollkommen bereit ist.

Aber zwischen „Wir beginnen wieder mit Schule“ und „Du musst ab dem ersten Tag wieder vollständig funktionieren“ liegt ein großer Unterschied.

Eltern müssen die Schule zu Hause nicht beschleunigen

Und genau hier können Eltern etwas sehr Wertvolles tun.

Nicht indem sie in den letzten Ferientagen möglichst viele Arbeitsblätter hervorholen.

Nicht indem sie schon vor dem ersten Schultag ankündigen, dass jetzt aber wieder „der Ernst des Lebens“ beginnt.

Und auch nicht, indem sie jedes Problem lösen.

Vielleicht besteht die wichtigste Unterstützung zunächst darin, den Übergang überhaupt als Übergang anzuerkennen.

Der Schlafrhythmus kann sich wieder verschieben. Morgende müssen neu organisiert werden. Am Nachmittag darf ein Kind nach den ersten Schultagen vielleicht erschöpfter sein, als wir es nach sechs Wochen Erholung erwartet hätten.

Dann hilft möglicherweise nicht die Frage:

Was habt ihr heute schon alles gelernt?

sondern:

Wie war es, wieder dort zu sein?

Wer war da? Worüber hast du dich gefreut? Was war komisch? Was war anstrengend?

Damit signalisieren Eltern etwas sehr Wichtiges:

Ich interessiere mich nicht nur dafür, ob du funktionierst.

Ich interessiere mich dafür, wie es dir auf diesem Weg geht.

Wiederankommen braucht manchmal Zeit

Wir Erwachsenen kennen das eigentlich selbst.

Nach einem langen Urlaub fällt der erste Arbeitstag nicht jedem leicht. Der Wecker klingelt wieder früher. Auf dem Schreibtisch warten Aufgaben. Routinen, die vorher selbstverständlich waren, müssen erst wieder aufgenommen werden.

Kaum jemand käme deshalb auf die Idee zu sagen:

Du hattest doch zwei Wochen Urlaub. Jetzt musst du doppelt so leistungsfähig sein.

Bei Kindern erwarten wir das manchmal erstaunlich selbstverständlich.

Dabei haben sie nicht nur Urlaub von der Schule gemacht. Sie haben sechs Wochen lang in einem anderen Rhythmus gelebt.

Deshalb wäre meine Empfehlung für die ersten Schulwochen sehr einfach:

Begleiten Sie Ihr Kind beim Wiederankommen.

Seien Sie da.

Hören Sie zu.

Halten Sie Routinen bereit, wo sie helfen, und zeigen Sie Verständnis, wo etwas noch nicht sofort funktioniert.

Nicht jedes müde Kind hat ein schulisches Problem. Nicht jede vergessene Mappe ist ein Zeichen mangelnder Selbstständigkeit. Nicht jeder schwierige Nachmittag nach dem Schulstart braucht sofort eine Lösung.

Manchmal braucht ein Kind schlicht ein wenig Zeit, bis Schule wieder zu seinem Alltag geworden ist.

Und vielleicht wäre das ein guter Gedanke für den Beginn dieses Schuljahres:

Kinder müssen nach sechs Wochen Ferien nicht vom ersten Tag an wieder funktionieren. Sie dürfen auch in der Schule erst einmal wieder ankommen.

Zum Weiterlesen

Quellen und Hintergrund

  1. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Ferientermine 2026/2027. Ferien und Feiertage ↗
  2. Bayerischer Rundfunk: Zur Geschichte der Schulferien und der früheren Getreide- und Kartoffelferien. Wer hat eigentlich die Ferien erfunden? ↗
  3. OECD, PISA 2018: Zum Zusammenhang von Zugehörigkeitsgefühl, Motivation, Wohlbefinden und schulischer Entwicklung. Sense of belonging at school ↗